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Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Vorerkrankungen abschließen

Von Dr. Katrin HoffmannAktualisiert am 5. Juni 20267 Min. Lesezeit

Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Vorerkrankungen: Zuschlag, Ausschluss und Risikovoranfrage erklärt – so kommst du trotz Ablehnung zum Vertrag.

Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Vorerkrankungen abschließen
Inhaltsverzeichnis
  1. Was der Versicherer mit einer Vorerkrankung macht
  2. Risikozuschlag oder Leistungsausschluss: Was ist der Unterschied?
  3. Welche Diagnosen wie eingeschätzt werden
  4. Wie werden psychische Vorerkrankungen bei der BU bewertet?
  5. Die anonyme Risikovoranfrage, dein wichtigster Schutz
  6. Wenn schon abgelehnt wurde

“Mit meiner Diagnose nimmt mich doch sowieso keiner.” Diesen Satz höre ich in meiner Kanzlei fast wöchentlich, und er ist in den allermeisten Fällen falsch. Rund vier von fünf Anträgen auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Vorerkrankungen werden angenommen, viele davon ohne Aufpreis. Was Menschen abschreckt, ist nicht die echte Ablehnungsquote, sondern die Angst vor den Gesundheitsfragen und vor einem Nein, das sich später nicht mehr korrigieren lässt.

Ich vertrete seit über zehn Jahren Versicherte gegenüber BU-Versicherern, meistens dann, wenn es schon zu spät ist und um die Rente gestritten wird. Was ich dabei gelernt habe: Die Weichen werden beim Antrag gestellt, nicht im Leistungsfall. Wer eine Vorerkrankung hat, kann fast alles richtig machen, wenn er weiß, wie der Versicherer denkt.

Was der Versicherer mit einer Vorerkrankung macht

Eine Vorgeschichte führt nicht automatisch zum Nein. Sie führt zu einer Einzelfallprüfung, und am Ende stehen vier mögliche Entscheidungen. Diese vier sollte jeder kennen, bevor er einen Antrag unterschreibt.

Entscheidung Was sie bedeutet Wann sie kommt
Normale Annahme Vertrag zum regulären Beitrag, kein Aufschlag leichte, ausgeheilte oder unkritische Befunde
Risikozuschlag gleicher Schutz, höherer Beitrag erhöhtes, aber kalkulierbares Risiko
Leistungsausschluss eine Ursache wird vom Schutz ausgenommen abgrenzbare, einzelne Erkrankung
Ablehnung oder Zurückstellung kein Vertrag, eventuell später erneut prüfbar schwere oder noch nicht stabile Erkrankungen

Der wichtigste Punkt steht in der mittleren Spalte. Beim Zuschlag und beim Ausschluss bekommst du sehr wohl einen Vertrag, nur eben zu anderen Bedingungen. Genau hier entscheidet sich, ob die Police im Ernstfall etwas wert ist.

Risikozuschlag oder Leistungsausschluss: Was ist der Unterschied?

Kurz gesagt: Ein Zuschlag erhöht den Beitrag, lässt den Schutz aber vollständig. Ein Ausschluss lässt den Beitrag unverändert, nimmt aber eine bestimmte Ursache aus dem Schutz heraus — was je nach Diagnose gravierend sein kann. Beide klingen harmlos, sind es aber nicht gleichermaßen. Bei einem Wirbelsäulenleiden sehe ich in der Praxis Zuschläge zwischen etwa 25 und 75 Prozent, bei einer abgeklungenen leichten Depression oft 50 bis 100 Prozent auf den Normalbeitrag. Klingt viel, ist es aber selten in Euro, wenn der Grundbeitrag niedrig war. Wie sich das in konkreten Zahlen auswirkt, zeigt der Überblick zu den Kosten und Beiträgen der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Ein Beispiel aus meiner Beratung. Eine 30-jährige Erzieherin hätte ohne Befund rund 55 Euro im Monat gezahlt. Wegen einer überstandenen Therapiephase bekam sie einen Zuschlag von 80 Prozent, also knapp 100 Euro. Die Alternative wäre ein Ausschluss für psychische Erkrankungen gewesen. Bei Erziehungsberufen ist die Psyche aber mit Abstand die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit. Der Ausschluss hätte ihr ausgerechnet den wahrscheinlichsten Leistungsgrund gestrichen. Sie hat den teureren Beitrag genommen, und das war richtig.

Daraus folgt eine Faustregel, die ich jedem mitgebe:

  • Hängt die Vorerkrankung mit deinem typischen Berufsrisiko zusammen, vermeide den Ausschluss und nimm lieber den Zuschlag.
  • Ist die Vorerkrankung eine echte Bagatelle, die mit deiner Arbeit nichts zu tun hat, kann ein eng gefasster Ausschluss günstiger und trotzdem unbedenklich sein.
  • Lass dir jeden Ausschluss schriftlich und so eng wie möglich formulieren. “Erkrankungen der Wirbelsäule” ist deutlich gefährlicher als “Folgen des Bandscheibenvorfalls L4/L5 von 2022”.

Welche Diagnosen wie eingeschätzt werden

Versicherer bewerten dieselbe Krankheit unterschiedlich, trotzdem gibt es Muster. Diese grobe Einordnung hilft, die eigene Lage realistisch einzuschätzen, ersetzt aber keine konkrete Anfrage.

Tendenz Beispiele
Meist normale Annahme Heuschnupfen, leichte Allergie, korrigierte Sehschwäche, einmalige Bagatellverletzung, Zahnbehandlung
Häufig Zuschlag oder Ausschluss Bandscheibenvorfall, behandelter Bluthochdruck, Asthma, Schuppenflechte, erhöhte Blutfettwerte, einzelne abgeschlossene Psychotherapie
Schwierig, oft Ablehnung aktive psychische Erkrankung, Multiple Sklerose, Krebs in den letzten Jahren, Diabetes Typ 1, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Epilepsie

Was hier in der dritten Spalte steht, ist kein endgültiges Aus. Es heißt nur, dass der normale Weg über den Standardantrag schwierig wird und du andere Hebel brauchst.

Wie werden psychische Vorerkrankungen bei der BU bewertet?

Psychische Diagnosen sind heute der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit — laut Deutscher Rentenversicherung entfällt fast jede dritte Erwerbsminderungsrente auf psychische Ursachen. Versicherer wissen das und schauen bei der Berufsunfähigkeitsversicherung mit Vorerkrankungen im psychischen Bereich entsprechend genau hin. Kein Thema beschäftigt mich so oft, und kein Thema wird so schlecht beraten. Wer konkret wissen will, ob und wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei Depression zahlt, findet dazu einen eigenen Artikel zu BU und Depression.

Ein paar Sätze beim Hausarzt, eine Krankschreibung wegen “Erschöpfung”, ein Rezept für ein leichtes Mittel gegen Schlafstörungen, all das kann Jahre später in der Krankenkassenabrechnung auftauchen und beim Antrag zur Frage werden. Das Problem ist nicht die Therapie an sich. Das Problem ist eine schlecht dokumentierte oder falsch verschlüsselte Diagnose, die strenger aussieht, als sie war.

Mein dringender Rat, gerade hier: Hol dir vor dem Antrag deine Daten. Bei der Krankenkasse kannst du nach Artikel 15 DSGVO kostenlos eine Aufstellung aller abgerechneten Diagnosen anfordern, dazu die Patientenakte bei den behandelnden Ärzten. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass dort eine Verdachtsdiagnose stand, die nie bestätigt wurde, oder ein Code, der nach schwerer Episode klang, obwohl es eine kurze, abgeschlossene Sache war. Solche Punkte klärst du besser vor der Risikoprüfung als mitten im Leistungsstreit.

War die Behandlung abgeschlossen und liegt sie außerhalb des Abfragezeitraums, meist fünf Jahre für die Psyche, musst du sie schlicht nicht mehr angeben. Dann ist das Thema erledigt.

Die anonyme Risikovoranfrage, dein wichtigster Schutz

Wenn ich Mandanten nur eine Sache mitgeben dürfte, dann diese: Stell niemals zuerst einen offiziellen Antrag, wenn du eine Vorerkrankung hast. Stell eine anonyme Risikovoranfrage. Dazu solltest du auch die Gesundheitsfragen bei der Berufsunfähigkeitsversicherung kennen, bevor du irgendetwas unterschreibst.

Dabei schildert ein spezialisierter Makler deine Befunde mehreren Versicherern, ohne deinen Namen zu nennen. Du bekommst die voraussichtlichen Bedingungen, also Annahme, Zuschlag oder Ausschluss, bevor du dich festlegst. Der entscheidende Vorteil ist rechtlicher Natur. Eine offene Ablehnung kann im Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft landen, kurz HIS-Datei. Andere Anbieter fragen diese Datei ab, und ein Negativeintrag macht den nächsten Antrag schwerer. Bei der anonymen Voranfrage entsteht ein solcher Eintrag nicht, weil keine Person abgelehnt wird. Die Verbraucherzentrale erklärt die Funktionsweise des HIS und deine Rechte als Versicherter ausführlich.

So gehst du sinnvoll vor:

  1. Erst die eigenen Gesundheitsdaten besorgen, von Krankenkasse und Ärzten.
  2. Befunde sortieren und mit einem unabhängigen Makler die Voranfrage an mehrere Versicherer richten.
  3. Die Rückmeldungen vergleichen, nicht nur den Preis, sondern auch Zuschlagshöhe und Wortlaut eines möglichen Ausschlusses.
  4. Erst beim besten Anbieter den richtigen Antrag stellen.

Wenn schon abgelehnt wurde

Viele kommen erst zu mir, wenn das Nein bereits da ist. Auch dann ist die Lage selten aussichtslos. Eine Ablehnung gilt immer nur für diesen einen Versicherer und diesen einen Zeitpunkt. Ein anderer Anbieter kann dieselbe Diagnose deutlich milder bewerten, das sehe ich ständig.

Drei Wege funktionieren in der Praxis. Erstens die anonyme Voranfrage bei anderen Gesellschaften, sauber aufbereitet mit ärztlichen Stellungnahmen, die eine Diagnose einordnen. Zweitens das Warten, bis eine Erkrankung aus dem Abfragezeitraum herausfällt, oft drei bis fünf Jahre nach Abschluss der Behandlung, danach ist sie schlicht nicht mehr anzugeben. Drittens, wenn beides nicht reicht, die Prüfung von Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung wie einer Grundfähigkeitsversicherung oder einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung mit lockereren Gesundheitsfragen.

Was ich ausdrücklich nicht empfehle, ist das Verschweigen. Wer eine Vorerkrankung weglässt, um den Vertrag zu retten, verliert im Zweifel alles. Der Versicherer darf bei Arglist noch zehn Jahre nach Abschluss zurücktreten und zahlt dann keinen Cent, trotz jahrelanger Beiträge. Genau diese Fälle landen auf meinem Schreibtisch, und sie enden fast nie gut für den Versicherten.

Wer eine Diagnose hat und über eine BU nachdenkt, sollte deshalb jetzt zwei Dinge tun: die eigene Krankenakte anfordern und eine anonyme Voranfrage bei mindestens drei Versicherern in Auftrag geben. Beides kostet nichts außer etwas Zeit, und beides entscheidet darüber, ob am Ende ein Vertrag steht oder nur ein weiterer Eintrag in der HIS-Datei.

Häufige Fragen

Was zählt überhaupt als Vorerkrankung?+

Alles, wonach im Antrag konkret gefragt wird und was in den abgefragten Zeitraum fällt: Diagnosen, Behandlungen, Operationen, Klinikaufenthalte, Psychotherapie. Maßgeblich ist nicht, wie schlimm du eine Sache findest, sondern ob sie unter eine der gestellten Fragen passt. Ein abgeschlossener Heuschnupfen kann genauso angabepflichtig sein wie ein Bandscheibenvorfall, nur mit ganz anderen Folgen für die Annahme.

Lohnt sich eher ein Risikozuschlag oder ein Ausschluss?+

In den meisten Fällen ist der Zuschlag das kleinere Übel, weil dein Schutz vollständig bleibt. Ein Ausschluss nimmt genau die Ursache aus dem Vertrag, die statistisch am ehesten zur Berufsunfähigkeit führt, also ausgerechnet dein erhöhtes Risiko. Bei einer Bagatelle, die mit der Berufsunfähigkeit wenig zu tun hat, kann ein Ausschluss aber sinnvoller sein als ein dauerhaft teurer Beitrag.

Was ist die HIS-Datei und warum ist sie wichtig?+

Das Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft speichert auffällige Anträge und Leistungsfälle. Lehnt ein Versicherer dich offen ab, kann dort ein Eintrag landen, den andere Anbieter abfragen. Eine anonyme Risikovoranfrage vermeidet genau das, weil dein Name dabei nicht genannt wird.

Kann ich nach einer Ablehnung noch eine BU bekommen?+

Oft ja. Eine Ablehnung bei einem Anbieter ist keine Ablehnung bei allen, weil jeder Versicherer dieselbe Diagnose anders bewertet. Wer den Antrag sauber aufbereitet, anonyme Voranfragen bei mehreren Gesellschaften stellt und gegebenenfalls einen Zuschlag akzeptiert, hat realistische Chancen. Manchmal hilft auch, ein paar Jahre zu warten, bis eine Erkrankung aus dem Abfragezeitraum fällt.

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